Montag, 12. Februar 2018

REZENSION zu Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.

Buchinfo

Titel: Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie.
Originaltitel: Conversations with Capote
Autor: Lawrence Grobel
Seitenzahl: 304
Erschienen: 26.04.2017
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5961-0
Preis: 13,00 €

Inhalt

Truman Capote ist einer der bekanntesten Autoren seiner Zeit. In seinen letzten Lebensjahren traf er sich mehrmals mit dem Journalisten Lawrence Grobel und aus ursprünglich einem geplanten Interview wurde ein sehr intimes Gespräch, in dem Capote tiefe Einblicke in die Welt des Schreibens sowie in seine Psyche gibt. Scharfzüngig tut er seine Meinung zu jedem Menschen seiner Zeit kund, wie etwa John F. Kennedy, Marilyn Monroe oder Norman Mailer. Er berichtet schonungslos von seiner Kindheit sowie dem frühen Erfolg und lässt auch seine Drogen- und Alkoholprobleme nicht aus.

Erster Satz

"Truman Capote war für Schriftsteller wie mich [James Michener, Vorwort] von ungeheurer Bedeutung, denn er übernahm eine notwendige Rolle in der amerikanischen Literatur - eine Rolle, von der wir profitierten, die aber selbst auszuüben wir nicht geschaffen waren."

Eigene Meinung

Als ich durch einen meiner Lieblingsbuchläden streifte, fiel mein Blick auf den Namen Truman Capote auf dem Buchrücken. Erst kürzlich hatte ich seine Kurzgeschichtensammlung "Wo die Welt anfängt" gelesen und war so beeindruckt von dem außergewöhnlichen Schreibstil sowie den speziellen Charaktere und Erzählungen, dass ich unglaublich neugierig auf das eben im Regal entdeckte "Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie." war, das mich alleine beim Lesen des Titels schon zum Schmunzeln brachte. Viele weitere Lacher sollten noch folgen, denn Truman Capote, den Lawrence Grobel eigentlich nur zu einem kurzen Interview sprechen wollte, was allerdings zu einem intimen Gespräch ausartete, das zu unterschiedlichen Zeiten fortgesetzt werden sollte, erzählt schonungslos ehrlich von seinem Schaffen als Autor, aber auch von den Dingen der Zeit, die ihn bewegen. Den Kommentar der Zeitschrift "Der Spiegel" über dieses Buch finde ich besonders amüsant, denn auch wenn "Scharf gewürzte Spötterspeise" zunächst etwas seltsam klingen mag, passt es einfach perfekt. Zu allem und jedem hat Truman Capote eine klare Meinung, die er nur allzu gerne kundtut. Egal ob sein Allzeitkonkurrent Gore Vidal, der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten oder noch heutzutage aktive Schauspielerinnen wie Meryl Streep, Capote nimmt kein Blatt vor den Mund. So meint er auf die Frage zu Joyce Carol Oates mit einigen Lachern zwischendurch: 
"Sie ist eine Monster-Witzfigur, die öffentlich geköpft werden sollte, oder in Shea, oder auf einem Platz mit Hunderttausenden. Sie schmiert alle Wände auf den Männertoiletten und den Damentoiletten voll, und in allen öffentlichen Toiletten von hier bis Kalifornien und zurück, mit Zwischenhalt in Seattle! Für mich ist sie das abscheulichste Geschöpf in ganz Amerika." (S. 182)
Bei Kommentaren wie diesen oder auch seiner abwertenden Haltung gegenüber dem Erfolg von Frauen habe ich manchmal entsetzt nach Luft geschnappt, aber genau das ist es, was ihn ausmacht. Truman Capote ist nicht bloß ein Autor, er ist ein Gesamtkunstwerk, der sich wie kein anderer zu inszenieren weiß. Ich war fasziniert und erstaunt zugleich, wie er als Schriftsteller in den Kreisen der High Society verkehren konnte und mit den berühmtesten Charakteren der damaligen Zeit persönlich bekannt war. Er lästert während des Gesprächs jedoch nicht nur über seine Kollegen, sondern gibt auch tiefe Einblicke in seinen Schreibprozess. So erzählt er beispielsweise von seiner nervenaufreibenden und beinahe selbstzerstörerischen Recherche zu seinem Dokumentationsroman "Kaltblütig", der von zwei Mördern handelt, die er mehrmals im Gefängnis besuchte und deren Hinrichtung er beiwohnte. Nichtsdestotrotz wurde Capote geboren, um zu schreiben, wie er selbst von sich behauptet:
"»Ich habe mein ganzes Leben gewusst, ich könnte ein Häufchen Wörter nehmen und in die Luft werfen, und sie würden genau richtig herabfallen«, beteuert er. »Ich bin ein sprachlicher Paganini.«" (S. 106)
Bereits mit acht Jahren begann er ernsthaft zu schreiben und hatte in seiner frühen Jugendzeit das Schriftstellerhandwerk längst perfektioniert, wie er mit seinen darauffolgenden kontrovers diskutierten Werken ein ums andere mal bewies.

"Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie." ist ein weiteres Meisterwerk von Truman Capote, handelt es sich dabei doch lediglich um Gespräche mit Lawrence Grobel, der ihn zu seinen Ansichten über die Menschen seiner Zeit, die politische Situation und sein Schaffen als Schriftsteller befragt. Es ist zugleich Schlüssel zu seinem Wesen und Werk als auch Unterhaltung pur, bei dem man Konservation als eigene Form der Kunst kennenlernt.

Bewertung


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