Samstag, 3. Oktober 2015

REZENSION zu Winternähe

Buchinfos

Titel: Winternähe
Autorin: Mirna Funk
Seitenzahl: 352
Verlag: S. FISCHER
ISBN: 978-3-10-002419-0
Preis: 19,99 €

"Überall, wohin wir gehen oder schauen, klebt Geschichte, dachte Lola. Eine Geschichte, über die wir niemals alles erfahren können. Jede Person, mit der wir sprechen, ist angefüllt mit eigener Geschichte. Einer Geschichte, zu der wir niemals einen vollständigen Zugang haben werden. Und trotz des fehlenden Zugangs muss diese Geschichte, obwohl wir von ihr nicht wissen, immer mitgedacht werden. Lola sah sich im Flugzeug um und beobachtete die Menschen, die aus den Fenstern schauten. Sie alle brachten ihre eigene Geschichte mit. Was sie an diesem Tag vor fünfundzwanzig Jahren gedacht oder getan hatten, blieb ihr Geheimnis. Aber Lola fühlte, dass dieses Flugzeug plötzlich nicht nur erfüllt von den Gedanken der vielen Passagiere war, sondern erfüllt von ihrer Geschichtlichkeit." (S. 338)

Inhalt

Die in Ost-Berlin geborene Lola ist Deutsche und Jüdin. Während der DDR floh ihr Vater nach Australien während sie bei ihren jüdischen Großeltern, die den Holocaust überlebt haben, aufwuchs. Lola ist keine Jüdin im strengen Sinne, aber sie hat die Nase voll davon, bei antisemitischen Sprüchen cool zu bleiben. Spätestens als jemand eine Foto von ihr mit einem Hitlerbärtchen versieht und dies auch noch wahnsinnig komisch findet, beginnt sie sich zu wehren. Sie verkauft ihre Wohnung und reist kurzerhand nach Tel Aviv, wo im Sommer 2014 der Krieg wütet. Dort trifft sie auf ihre große Liebe Shlomo, den sie in Berlin kennengelernt hatte. Allerdings verbirgt Shlomo, der vom Soldaten zum Linksradikalen wurde, seine wahre Geschichte vor ihr. Lolas Gefühle schwanken in der Zeit in Tel Aviv zwischen fürchterlicher Angst und Traurigkeit wegen des Krieges und einer großen Euphorie um ihre Liebe und die neu erlangten Erkenntnisse. Von Beginn an weiß Lola jedoch, dass sie eines Tage weiterziehen muss. Denn wer bestimmt schon darüber wer wir sind? Unsere Herkunft, falsche Freunde oder orthodoxe Rabbiner? Voller Enthusiasmus sucht Lola hartnäckig, widersprüchlich und eigenwillig ihr eigenes Leben.

Eigene Meinung

Der bewegende, aufklärende und sprachgewaltige Roman "Winternähe" bekommt von mir vier Eier. Normalerweise spreche ich die Gestaltung von Buchcovern nicht explizit in meinen Rezensionen an, doch bei manchen kann man nicht umhin sie zu erwähnen. Dieser Einband ist ein Beispiel für eine solche Ausnahme. Jedes Mal wenn ich das Buch in Händen halte, wundere ich mich über die exzentrische Gestaltungsart und rätsele, was es denn darstellen soll. Ein Vogel, der aus mehreren Materialien, wie etwa Bergen, Stoffbahnen, einem Seil, einem Schulheft und vielen weiteren nicht zu identifizierenden Bestandteilen zusammengesetzt ist? Bis heute konnte ich mir keinen Reim darauf machen. Doch nicht nur das Buchcover ist ausgefallen, das Gleiche gilt für die extravagante Hauptperson der Geschichte, Lola. Deshalb hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten mich in sie hineinzuversetzen, aber mit jeder Seite öffnete sich eine weitere Tür zu Lolas Innerem, welche die unterschiedlichsten Überraschungen über ihre Person bereit hielt. Dazu trugen auch maßgeblich die interessanten politischen Ansichten und die einmalige Sprache von Mirna Funk bei. Nach beinahe jedem Kapitel habe ich mit einige Zitate notiert, um sie nicht zu vergessen, wie beispielsweise das oben genannte über die Geschichten der einzelnen Menschen. Aber auch diese beiden Faktoren vermochten es nicht, dass ich Lolas Liebesleben nachvollziehen konnte. Sie trauert um den Tod ihres Großvaters, das ist absolut verständlich, aber nicht so ihre Art diese zu bewältigen. Sie bricht in Tel Aviv alle Zelte, auch die Beziehung zu ihrer großen Liebe Shlomo, ab und sucht sich übergangsweise den nächstbesten Mann den sie finden kann und bestellt ihn telefonisch zu sich, wenn sie gerade Lust auf Sex empfindet. Dadurch sollen Probleme wie von selbst verschwinden? Meiner Meinung nach ist das doch eine sehr verquere Weltansicht. Insgesamt kann ich dieses Buch, das nicht nur die weiterhin anhaltende Problematik des Holocausts aufgreift und thematisiert sondern auch über weitere Konflikte wie etwa den Krieg von Israel und Palästina informiert, auf jeden Fall empfehlen, denn mit den interessanten Weltanschauungen der einzelnen Charaktere sind bereichernde Leseaugenblicke garantiert, die durch die sprachlichen Wendigkeit der Autorin nicht langweilig werden.

Bewertung
 

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